Programmheft
"Die Büchse der Pandora"
D 1929, 131 min
Regie: G.W. Pabst
Drehbuch: Ladislaus Vajda, nach Frank Wedekinds zweiteiliger Lulu-Tragödie
(Erdgeist und Die Büchse der Pandora)
Kamera: Günther Krampf
DarstellerInnen: Louise Brooks, Fritz Kortner, Franz Lederer, Alice Roberts, Carl Goetz, Gustav Diessl
Inhalt
Die Büchse der Pandora erzählt die Geschichte der Lulu, einer jungen, kindlich unbekümmerten und faszinierenden Frau, deren unbekümmert-sinnliche Art mehreren Männern (und einer Frau) zum Verhängnis wird.
"Der Regisseur G.W. Pabst hatte lange nach einer Hauptdarstellerin gesucht. Die Besetzung mit der aufstrebenden Marlene Dietrich soll er mit der Begründung abgelehnt haben, daß sie zu eindeutig und aufreizend spiele. Tilly Wedekind, Lulu-Darstellerin der Theater-Uraufführung, sah dies ähnlich. Einer Hauptforderung des Dramas, 'nämlich daß Lulu durchaus kein Vamp, kein Klischee-Dämon ist, sondern wirklich ein triebhaftes, kindliches Geschöpf, unbewußt in ihrem Tun und weder gut noch böse' - so die Witwe des Autors im Film-Kurier (9.2.1929) - entsprach Pabst mit seiner Wahl des amerikanischen Revuegirls Louise Brooks. Von deren merkwürdig unbestimmter, lächelnder Natürlichkeit waren die Zeitgenossen bei der Uraufführung des Films angesichts der nur als Kunstfigur begreifbaren Lulu entsetzt. Die dramatische Fiktion der Femme fatale mit ihrer irritierenden Mischung aus Vitalität und Passivität, Triebbefriedigung und Unschuld, Leidenschaft und Kühle ist in Louise Brooks' Verkörperung zu einer modernen Frau und gleichzeitig zu einer Ikone der Filmgeschichte geworden.
Pabst hat eine besondere Begabung in der Inszenierung seiner häufig gegen die Star-Konventionen besetzten Hauptdarstellerin. Für die Aufnahmen mit Louise Brooks ließ er - ebenso wie für die damals noch unbekannte Greta Garbo in Die freudlose Gasse - besonders weichzeichnendes Filmmaterial verwenden, um den Lichtgloriolen-Glanz, den er um ihr häufig im Halbprofil gezeigtes makelloses Gesicht legt, als Ausdruck vibrierender Erotik einzufangen. Ihr Blick scheint dem Gegenüber zu gelten, heftet sich aber nie an ihn, sondern vagabundiert. Blicke, offene und verstohlene, aktive und verschämte, sind ein zentrales Aktionselement des Films: 'Der Kampf der Geschlechter, die Frage nach Besitz, wer gehört wem und wer kontrolliert wen, wird zu einem Kampf um das Recht auf den Blick und das Bild, die Stellung des Subjekts als Sehendes oder Gesehenes' (Elsaesser). Die Kamera artikuliert dies in spitzen Aufnahmewinkeln, sie markiert Bildachsen und zeichnet darin die versteckten Konflikte in den Raum. Sie ist dabei variabel und gleitend, nimmt Bewegungen des vorherigen Bildes auf, so daß der Schnitt fast unsichtbar bleibt. Auch in dem von ihm gern benutzten Schuß/Gegenschutzverfahren betont Pabst die Korrespondenz der Blicke.
Alle Männer erscheinen massig, zuweilen untersetzt, um Nachdruck bemüht, dabei jedoch steif und verspannt. Pabst akzentuiert dies, indem er häufig ihren Rücken zeigt. Bereits in der Anfangsszene sehen wir so den Stromableser, mit dem Lulu flirtet. Dr. Schön und Alwa verständigen sich in einem Männerpakt über Lulu, der Kamera abgewandt. Als sie Schön erschießt, sehen wir seine mächtigen Schultern und ihr offenes Gesicht. [...] Obwohl alle Männer Lulu begehren, und Pabst dies in Tableaus unterstreicht, in denen sie sich fast immer zwischen Männern bewegt, sind diese - das legt ihr Gestus nahe - zu losgelöster Körperlichkeit und Sexualität kaum in der Lage. Ganz im Gegensatz dazu Lulu. Sie bewegt sich trotz aller Bedrängnis locker und wird zumeist frontal oder in Seitenansicht gezeigt.
Wenn Pabst ihren Rücken, Nacken oder ihre Schultern zeigt, sind diese unbekleidet, und Licht sowie Kamerablick modellieren erotischen Zauber. Im Blick darauf formuliert Pabst jedoch auch die Komplementäre dieses Zaubers: Obsession und Besitzanspruch."
(Kasten, Jürgen. "Die Büchse der Pandora". Töteberg, Michael (Hg.). Metzler Film Lexikon. Stuttgart/Weimar: Metzler, 1995. 95f.)