Kritik zu "Wiener Stimmen"
Nürnberger Nachrichten
Mit Spielfreude und Temperament
Konzert vom „ensembleKONTRASTE“
Nun - wer da dachte, ein mitnichten glamouröses Kammerkonzert unter dem Arbeitstitel „Wiener Stimmen“ müsste ein besinnlicher, gar grüblerischer Jahresbeginn sein, wurde vom „ensembleKONTRASTE“ in der Nürnberger Tafelhalle mit sichtlichem Vergnügen in die Irre geführt. Melodieseligkeit und ein minutiös ausgeleuchtetes Programm: Das muss sich nicht widersprechen, das schiebt sich sogar wechselseitig an, wie die begeisterte Publikumsresonanz bewies. Großer Schlussapplaus also und als Dankeschön mit entschlossenem Unisono-Schwung da capo, was offensichtlich alle lieben — Brahms. Dessen f-Moll-Quintett op.34 zum Finale erwies sich als Glücksgriff: Spielfreude und Temperament zünden den Treibstoff wie von selbst, der hier mit ausgedehnten Unisoni der Streicher bereits zu Grunde liegt.
Eindrucksvolles Hörbild
Wesentlich weniger entgegenkommend, ja ausgesprochen strapaziös zu Beginn die Zweite Wiener Schule: Anton Weberns Streichtrio op. 20 sorgte 1928 im Jahr der Uraufführung für Skandale, wurde damals der „Unspielbarkeit“ bezichtigt — und liefert heute ein eindrucksvolles Hörbild damaliger Weltsicht. Anschwellende Melodielinien zerschellen in jähen Pizziccati — die einstige Zuversicht in die Kraft der Subjektivität scheint hier längst verloren gegangen. Ausbalanciert zwischen melodischen Restbeständen aus der Spätromantik und ihrer zeitgenössischen Verarbeitung mittels vielfältiger Stil-Ressourcen: Insofern lag Alfred Schnittkes (1934—1998) Klavierquartett „Mahler-Scherzo“ exakt zwischen diesen beiden Polen. Sein Klangkommentar zum nur als Bruchstück erhaltenen 2. Satz des 1876 von Gustav Mahler lediglich skizzierten Klavierquartetts hinterfragt die melodische Substanz rückhaltlos, aber verweigert sich ihrem endgültigen Verlust. Da konnte man sich dann auch gut damit arrangieren, dass Mozarts Es-Dur-Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette und Horn mit einer weniger energischen Klavierstimme den ausgewogeneren Eindruck hinterlassen hätte. Ein insgesamt zu Recht heftig beklatschter „ensembleKONTRASTE“- Wurf: Mit solchen gut sortierten Wiener Notizen über das fin de siécle kann man der Kultursaison gewappnet entgegensehen.
ANJA BARCKHAUSEN