Kritik zu "Die Nachtigall und die Rose"

Nürnberger Nachrichten

Rose aus Herzblut im Märchen mit Musik
Hörstück nach Motiven Wildes

1888 veröffentlichte Oscar Wilde seine ersten vier Kunstmärchen unter dem Titel „The Happy Prince“. Sie gleichen trojanischen Pferden: Im Inneren der altbekannten Märchenform wartet beißende Gesellschaftskritik auf den poetisch zur Empathie verführten Leser. Eines dieser Märchen - „Die Rose und die Nachtigall“ - stellte nun das „ensembleKONTRASTE“ als hochkomplexes und spannendes Hörstück in der Nürnberger Tafelhalle vor. Die Komposition von Klaus Ospald, dessen frühe Studien bei Helmut Lachenmann („Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“) hier hörbaren Niederschlag finden, kommentiert nicht etwa den Text. Sie begreift ihn als eigene musikalische Dimension. So stehen sich einerseits zwei Erzähler gegenüber (Marina Schütz, Marcus Reinhard), andererseits agieren die Instrumentalisten sowohl als Sprechstimmen, als auch als Sprechchor. Pausen, die beredsame Stille sind genauso bedeutsam wie unmerkliche Verzögerungen und langanhaltend leiser Vortrag, was die Aufmerksamkeit weiter schärft. Aus mikrotonalen Streicherflächen wächst simultane Vielstimmigkeit; Klangfarben sind wie bei Helmut Lachenmann kaum zuzuordnen oder überlagern sich im siebenstimmigen Ensembleklang wie sonst vielleicht bei György Ligeti. Die märchenhafte Vorlage wird durch die stimmige Regie von Fred Apke weiter zugeschärft, bleibt aber als stringenter Handlungsfaden erhalten.
 
Verklärung und Ekel
Märchen-Charaktere werden so zur plastisch ausgeformten Karikatur - zur „Charaktermaske der Verhältnisse“: Der arme Student, der mit der roten Rose das Herz seiner Angebeteten erobern muss, verkörpert hier den bourgeoisen Zwiespalt zwischen Triebverzicht und Triebansturm, zwischen Verklärung und Ekel, angestrebtem Besitzverhältnis und frei zirkulierender Sexualität, die mit dem vielstimmig diskutierten Liebesbegriff erst gar nicht zur Deckung kommen kann. Die Nachtigall wird zum Inbegriff künstlerischer Intervention, wobei vergossenes Herzblut an gefühlsblinde Konsumenten nur vergeudet ist. Und so passt die aus dem Herzblut der naiven Nachtigall geformte Rose schließlich nicht zum Ballkleid der umworbenen Professorentochter. Dieser ätzende Schluss, mit dem Oscar Wilde seine viktorianische Leserschaft sarkastisch beglückte, ist im Lichtkegel dieser klug reflektierenden Hörspiel-Inszenierung nur der Punkt hinter einem vielspurigen, schillernden Gesellschafts-Diskurs. Dabei nahm sich das exakte Gast-Dirigat von Roland Kluttig der Partitur mit leichthändiger Routine an. Auf exzentrische Weise sehr amüsant!

ANJA BARCKHAUSEN