Kritik zu "Die Nachtigall und die Rose"
Nürnberger Nachrichten
Rose aus Herzblut im Märchen mit Musik
Hörstück nach Motiven Wildes
Verklärung und Ekel
Märchen-Charaktere werden so zur plastisch ausgeformten Karikatur - zur „Charaktermaske der Verhältnisse“: Der arme Student, der mit der roten Rose das Herz seiner Angebeteten erobern muss, verkörpert hier den bourgeoisen Zwiespalt zwischen Triebverzicht und Triebansturm, zwischen Verklärung und Ekel, angestrebtem Besitzverhältnis und frei zirkulierender Sexualität, die mit dem vielstimmig diskutierten Liebesbegriff erst gar nicht zur Deckung kommen kann. Die Nachtigall wird zum Inbegriff künstlerischer Intervention, wobei vergossenes Herzblut an gefühlsblinde Konsumenten nur vergeudet ist. Und so passt die aus dem Herzblut der naiven Nachtigall geformte Rose schließlich nicht zum Ballkleid der umworbenen Professorentochter. Dieser ätzende Schluss, mit dem Oscar Wilde seine viktorianische Leserschaft sarkastisch beglückte, ist im Lichtkegel dieser klug reflektierenden Hörspiel-Inszenierung nur der Punkt hinter einem vielspurigen, schillernden Gesellschafts-Diskurs. Dabei nahm sich das exakte Gast-Dirigat von Roland Kluttig der Partitur mit leichthändiger Routine an. Auf exzentrische Weise sehr amüsant!
ANJA BARCKHAUSEN