Kritik zu "... diese schönen Abdrücke in der Seele..."

Abendzeitung

Traumflug auf dem Fleckerlteppich

Am Anfang und am Ende sah man in der fast voll besetzten Tafelhalle nur den Flügel magisch aus der absoluten Dunkelheit leuchten – an dem Stefan Danhof dazwischen fast zweieinhalb Stunden lang abwechselnd Cornelius Boensch (Violoncello), Hans Peter Hofmann (Violine) und Anke Trautmann (Flöte) bei Solo-Sonaten begleitete, während der Bamberger Literat Hans Wollschläger am seitlichen Rezitationstisch mit Lämpchen auf Erleuchtung und Wort-Einsätze lauerte. Das hatte als Gegengift zur jahreszeitlich legitimierten Marsch-Seeligkeit eine „Schubertiade“ von pausenloser „Rheingold“-Dimension gebraut. Ein dicker Brocken, und trotzdem perfekt wirkendes Narkotikum der feineren Art.

Ein Programm, das den Zuhörer samt seiner berechtigten Skepsis gegen die Struktur von Fleckerlteppich-Klopferei einfach wegträgt. Denn “...diese schönen Abdrücke in der Seele“ geben mehr her als nur eine Schnitzeljagd vom Wunderkind-Manifest bis zum frühen Genie-Todestag. Das schon auch, denn Hans Wollschläger, als Deutschlands führender Joyce-Kenner ebenso bei Schubert auf der Spur in innerste Befindlichkeiten, hat aus Zeitzeugen-Beschreibungen, Briefen, Gedichten und Selbstzeugnissen ein geradezu rührend verehrungsvolles Bild des Komponisten entworfen. Eines jung gestorbenen Idealtyps, von dem „ so viel Musik und so wenige Worte “ überliefert sind. Die besondere Art der Wollschläger-Lesung, mehr privat raunendes Beiseite-Sprechen als feierliche Rezitation, zieht den Zuhörer immer tiefer in eine selige Stimmung von Mitwisserschaft.

Die musikalischen Interpretationen (Cellist Cornelius Boensch am großflächigsten, Geiger Hans Peter Hofmann mit besonders bannkräftiger Vitalität) umschmeichelten und umspülten die Sprache so nahtlos, dass der erste Eindruck einer mutwillig montierten Collage am Ende einfach aufgelöst war.

Ein langer Abend, in die Zeitlosigkeit gestreckt. Das Publikum war in jeder Hinsicht mitgenommen.

Dieter Stoll
k lesen